#2: Selbstliebe gelingt nicht ohne Selbstreflexion.

Es braucht ein wenig Mut.

Wenn ich zurückblicke, damals, in die Zeit, in der ich mich noch sehr grün hinter den Ohren beschreiben würde, wird mir eines klar. Ich wusste gar nichts über mich. Ich habe mich nie infrage gestellt. Alles was ich erlebt habe, ist einfach passiert. Ich konnte ja nichts dafür – das Leben hat mich einfach gelebt. Bis ich an einem Punkt ankam, an dem ich von einem Menschen so gedemütigt wurde, dass ich tatsächlich den Tiefpunkt erreicht hatte. Selbstwert war damals ein Fremdwort für mich. Und somit kam die Entscheidung: ich will mein Leben anders erleben. Liebevolle Begegnungen, eine liebevolle Partnerschaft und endlich Klarheit. Wieso passieren mir die Dinge, wie sie passieren? Irgendwie wusste ich, da gibt es eine größere Wahrheit hinter allem. Wenn wir uns entscheiden, Klarheit über uns zu gewinnen, dann gehen wir sozusagen einen Vertrag mit uns ein. Rein in die Verantwortung, raus aus der Opferrolle. Dieser Schritt ist ganz wesentlich. Wenn ich nicht zu 100 Prozent die Verantwortung für mich und mein Leben übernehme, dann werde ich mich nie den unangenehmen und schmerzvollen Themen stellen können, die auf der Reise auf mich warten.

 

Ein Ereignis bringt meist den Stein ins Rollen.

Ich plätscherte damals so vor mich hin. Unglücklich in meinem ersten Job nach dem Studium, ständig auf der Suche, dieses Loch in mir zu füllen. Kein Urlaub, keine neue Klamotte konnte da langfristig Befriedigung schaffen. Irgendwann, als ich den Höhepunkt meiner Unzufriedenheit erreicht hatte, kam es zu einem sehr wichtigen Ereignis auf meiner langen Reise. Es war Januar, kalter trister Winter. Und ich wusste eins. Ich musste weg. Und ich wusste, ich musste ganz weit weg. So unglaublich weit weg, um mich meinem größten Schmerz stellen zu können. Aber was dieser Schmerz war, konnte ich nur erahnen aber nicht greifen. Die Schublade war zu lang verschlossen gewesen. Da war nur dieser eine Gedanke - ich musste nach Tahiti. Dieser Ort übte mein ganzes Leben eine unglaubliche Anziehung auf mich aus. Ausgerechnet Tahiti. Nachdem ich die Flüge gecheckt hatte, habe ich den Plan schnell verworfen. Zu teuer, zu weit, zu verrückt. So was kannst du nicht abziehen, sagte ich damals zu mir. Ich erzählte niemanden von meinem Plan, nicht einmal meinem Partner.

 

Eine Woche später kam ein Anruf meiner ältesten Freundin. „Judith, du weißt, ich kann mich nie an meine Träume erinnern. Aber letzte Nacht habe ich von dir geträumt. Du bist mir gegenüber auf der Couch gesessen und hast mir unter Tränen erklärt, wieso du nach Tahiti musst. Kannst du mir mal erklären, was das zu bedeuten hat?“ Etwas irritiert und sprachlos saß ich dann da, und dachte an eine höhere Fügung. Kurzum, ich habe mich drei Wochen bei einem französischen Ehepaar auf Tahiti einquartiert. In einer Blockhütte, mitten im Busch, kaum Internet, kein Fernsehen. Stille. Und nach einer Woche hat es in mir heftig gerüttelt und die festverschlossene Schublade tat sich (endlich) auf. Mein größter Schmerz war es ohne Vater aufzuwachsen und, trotz Stiefvater, ohne väterliche Liebe zurechtzukommen. Und wie ich finde, ist auch die Vaterliebe eine unglaubliche wichtige Quelle für einen gesunden Selbstwert.  Mit dieser Erkenntnis ging es nach Hause.

 

Der Schmerz heilt nicht von einem Tag auf den anderen. Aber die Erkenntnis ist wichtig. Ich muss wissen, was ich mir anschauen muss und den Mut finden, mich damit auseinanderzusetzen. Wir müssen das nicht alleine tun, sondern dürfen uns Hilfe und professionelle Unterstützung suchen.

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